Automatisierung und Blechbearbeitung: Innovation in der Praxis

Personalmangel, steigende Qualitätsanforderungen und zunehmender Wettbewerbsdruck veranlassen Blechbearbeiter und Lohnschneider dazu, in Automatisierung zu investieren. In der Praxis verläuft dieser Schritt jedoch oft langsamer als erwartet. Roy van Gompel, Sales & Export Manager bei Q-Fin, und Bart Van Quickelberghe, Manager Handling Solutions, beschreiben die Herausforderungen, denen sie bei ihren Kunden begegnen.

Q-Fin liefert Maschinen und automatisierte Systeme zum Entgraten und Finishen von Blechteilen. Der Kundenstamm besteht hauptsächlich aus Unternehmen, die Laserschneidmaschinen einsetzen und die bearbeiteten Blechteile für die Beschichtung, das Schweißen oder die Montage nachbearbeiten müssen. Die Fragen, die diese Unternehmen stellen, sind im Laufe der Jahre immer komplexer geworden und beziehen sich immer weniger auf die Maschine selbst.

Kapazität und Personal

Der häufigste Grund für ein Gespräch mit Q-Fin ist ein Kapazitätsproblem in der Endbearbeitungsabteilung. Unternehmen, die ihre Laserschneidkapazitäten erweitert haben, stoßen auf einen Engpass in der Nachbearbeitung: Die Endbearbeitungsabteilung kommt mit dem Durchsatz nicht hinterher, oder es steht nicht genügend Personal für die manuelle Arbeit zur Verfügung.

Van Gompel erkennt das Muster: „Typischerweise gibt es bereits eine Laserschneidemaschine und eine Abkantpresse. Aber am Ende dieser Kette schleift jemand manuell, und es sind Menschen, die das Material transportieren. Dort liegt der Engpass, und dort gibt es noch viel zu gewinnen.“

Der Personalmangel spielt dabei eine wesentliche Rolle. Unternehmen haben Schwierigkeiten, qualifiziertes Produktionspersonal für körperlich anstrengende, repetitive Aufgaben zu gewinnen. Das gilt insbesondere für das manuelle Entgraten und Schleifen von Blechteilen, was bei höheren Stückzahlen zu einer erheblichen ergonomischen Belastung führt.

Van Quickelberghe weist auf ein zusätzliches Risiko hin: „Unternehmen, die ihre Arbeitsumgebung nicht modernisieren, haben Schwierigkeiten, Personal zu halten. Mitarbeiter entscheiden sich für Arbeitgeber, die in bessere Arbeitsbedingungen investieren.“

Steigende Qualitätsanforderungen

Neben Kapazitätsproblemen nennen Kunden steigende Qualitätsanforderungen als Grund für die Automatisierung. Während sich die Abnehmer früher mit einer minimalen Kantenverrundung begnügten, verlangen sie heute reproduzierbare Ergebnisse mit messbarer Dokumentation, einschließlich Schleif- und Prüfberichten.

Manuelles Schleifen führt per Definition zu Abweichungen zwischen den Bedienern, und die Bürstenanordnung nutzt sich während der Produktion ab. Eine automatisierte Maschine, die nach einem Programmrezept arbeitet und den resultierenden Radius über automatische Kalibrierungsmodi steuert, bietet objektive und wiederholbare Ergebnisse.

Implementierung

Die technische Machbarkeit der Automatisierung ist für die meisten Unternehmen nicht das Hauptproblem. Häufiger spielen organisatorische und kulturelle Faktoren bei der Entscheidung über eine Investition eine Rolle. Van Quickelberghe: „Wenn ein Unternehmen nicht bereit ist, seine Prozesse kritisch zu hinterfragen, verläuft die Automatisierung weniger effizient. Die Technologie ist verfügbar, aber die Implementierung gelingt nur, wenn die Organisation dafür bereit ist.“

Ein immer wiederkehrendes Problem ist, dass Unternehmen den Umfang der erforderlichen Investition überschätzen. Automatisierung wird oft mit großen, teuren Produktionslinien assoziiert, während sich der erste Schritt in vielen Fällen auf eine einzige Maschine mit Puffertischen beschränken kann. Das reicht bereits aus, um die manuelle Beladung zu halbieren und den Durchsatz zu stabilisieren.

Van Gompel: „Ein Puffertisch vor und hinter der Maschine reicht fast immer aus, um von zwei auf einen Bediener umzustellen. Das ist eine geringe Investition mit messbaren Auswirkungen auf den Personalbedarf.“

Akzeptanz am Arbeitsplatz

Ein Faktor, der bei Implementierungsprozessen regelmäßig auftaucht, ist die Einstellung der Mitarbeiter gegenüber der Automatisierung. Die Frage, was Automatisierung für die Arbeitsplatzsicherheit bedeutet, beschäftigt viele Betriebe, auch wenn die Einführung von Maschinen in der Praxis selten zu Zwangsentlassungen führt.

Van Quickelberghe: „Die meisten Kunden automatisieren, weil sie Personalmangel haben, nicht um Mitarbeiter zu entlassen. Die betroffenen Mitarbeiter erhalten in der Regel eine andere, körperlich weniger anstrengende Aufgabe. Das muss jedoch gut kommuniziert werden, sonst entsteht Widerstand, der die Implementierung erschwert.“

Q-Fin rät Kunden, die Mitarbeiter frühzeitig in den Implementierungsprozess einzubeziehen, unter anderem durch Vorführungen, bei denen die Bediener das System selbst steuern. Die eigene Praxis des Unternehmens zeigt, dass die Digitalisierung dem Arbeitsalltag auch strukturell zugutekommt: Monteure bei Q-Fin arbeiten mit Tablets, die stets die aktuellen Zeichnungen anzeigen, und die Produktionsplanung ist für alle über eine digitale Aufgabenliste einsehbar.

Wettbewerbsposition

Neben den unmittelbaren betrieblichen Gründen spielen auch strategische Überlegungen bei Investitionsentscheidungen eine Rolle. Unternehmen, die ihren Veredelungsprozess nicht modernisieren, laufen Gefahr, langfristig die Anforderungen größerer Auftraggeber nicht erfüllen zu können.

Van Gompel: „Größere Abnehmer stellen immer häufiger Anforderungen an nachweisbare Qualitätssicherung und rückverfolgbare Prozesse. Für Unternehmen, die dies nicht leisten können, wird es schwieriger, diese Aufträge zu behalten.“

Die Amortisationszeit eines automatisierten Systems variiert in der Regel zwischen einem und fünf Jahren, abhängig vom Volumen, der Personalsituation und der bestehenden Infrastruktur. Q-Fin berechnet diese Zeitspanne auf der Grundlage der vom Kunden bereitgestellten Produktionsdaten, bevor ein Angebot unterbreitet wird.

Schrittweise Investition

Ein beträchtlicher Teil der Kunden von Q-Fin beginnt mit einer einzelnen Maschine, gegebenenfalls ergänzt durch einfache Handhabungsvorrichtungen, und erweitert die Anlage anschließend Schritt für Schritt. Der modulare Aufbau der Maschinen ermöglicht dies, ohne dass frühere Investitionen abgeschrieben werden müssen.

Van Quickelberghe: „Wachstum muss man nicht unbedingt als höhere Stückzahlen definieren. Für viele Unternehmen ist es bereits ein Gewinn, wenn sie denselben Output erzielen, dabei aber weniger auf knappe Arbeitskräfte angewiesen sind und die physische Belastung für die Mitarbeiter, die dort arbeiten, geringer ist.“